Lukas Weber – Biker vor und Nach dem Unfall

Dieser Artikel ist schon etwas älter, aber muss als Juwele des Journalismus einen Ehrenplatz erhalten... Kinder die Schreiben, sich für den Behindertensport interessieren und Schulen die Inklusion fördern... Wir finden den Artikel herrlich... wir hoffen Euch damit auch zu erfreuen.

Lukas Weber, der bekannte Behindertensportler aus Zürich,

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ist in die Turnhalle eingefahren. Dort führt er uns in die Geheimnisse seines Handbikes ein. Von der Klasse 5 a, Schulhaus Zentrum, Volketswil Er fährt ganz nahe mit dem Rollstuhl an das Handbike heran. Dann zieht er seine Jacke aus, stützt sich mit seinen durchtrainierten, starken Armen hoch und rutscht auf dem Stuhl ganz nach vorne. Er packt das rechte Bein und hievt es unter der Antriebsvorrichtung auf die andere Seite. Jetzt stützt er sich am Handbike ab, rutscht in die Sitzschale und richtet mit den Händen auch das andere Bein. Seine Beine haben ein Eigenleben, das er nicht steuern kann: Sie zittern ein wenig. Dann führt er mit viel Kraft der Arme die Füsse in die Halterungen. Jetzt ist er endlich startbereit. Unfall hat Leben verändert Lukas Weber ist seit 14 Jahren gelähmt. Mit 29 Jahren hatte er in der Stadt Zürich einen schweren Unfall. Auf dem Heimweg mit seinem Mountainbike, dessen Zahnkranz zuweilen Aussetzer hatte, geschah es. Als er gerade mit voller Kraft in die Pedale treten wollte, hatte diese einen Leerlauf. Er verlor die Kontrolle, rutschte, schlug auf der Stange auf und rammte einen Pfosten. «Mir war sofort bewusst, dass ich den Rücken gebrochen hatte!» Im Spital kamen später Gefühl und Bewegungsfähigkeit teilweise zurück. Er glaubte schon, Riesenglück gehabt zu haben, aber es war nicht von Dauer – er blieb gelähmt, ein Paraplegiker. So ist es nicht überraschend, wenn er sagt: «Das war mein prägendstes Erlebnis, der Unfall hat mein Leben verändert.» Trotzdem startete er nach so einem Schicksal eine sportliche Karriere. Es dauerte aber fünf Jahre, bis Weber sich ein Handbike anschaffte. «Ich habe vor dem Unfall noch gar nicht gewusst, was ein Handbike ist», sagt er und lacht. «Eines wusste ich aber: Wenn ich mir eines anschaffe, dann Vollgas oder gar nicht.» Seit sieben Jahren lässt ihn nun das Handbike nicht mehr los. Sein Morgen gleicht jenen von so vielen anderen. Er geht zur Arbeit. Er hat Informatik und Physik studiert und arbeitet als Informatiker. Am Nachmittag trainiert er aber bereits zwei bis drei Stunden mit dem Handbike. Daneben sind auch ausruhen und Gitarre spielen für ihn sehr wichtig. Und natürlich auch eine ausgewogene Ernährung. «Abends gehe ich dann manchmal noch einmal auf die Trainingsstrecke oder dann ins Krafttraining», sagt der 43-Jährige. Der Traum vom Olympiasieg Bei den Handbikern gehört er zu den Weltbesten. 2012 erreichte er an den Paralympics in London den 4. Platz, im Weltcup ist er aktuell auf Rang 5. Für seinen nächsten Wettkampf, die Weltmeisterschaften in Kanada, ist er bereit. Er will auch im Weltcup und an den Europameisterschaften fit sein. Dazu gehört, dass er zu jeder Jahreszeit hart trainiert, während viele seiner Sportkollegen im Winter das Training reduzieren. Unterstützt wird der Sportler des Rollstuhlclub Zürich von verschiedenen Seiten. «Die Schweiz engagiert sich sehr im Behindertensport», sagt er und hebt besonders die Schweizer ParaplegikerStiftung hervor. «Diese Stiftung unterstützt uns finanziell massiv, ohne sie wäre der Rollstuhlsport nicht das, was er in der Schweiz jetzt ist.» Auch im Alltag ist Weber selbstständig. Zwar braucht er manchmal Hilfe, ungebetene oder aufgedrängte Hilfe findet er allerdings unangenehm, was wir als Kinder auch gut verstehen. Weber sei nicht der Typ für grossartige Wünsche. «Ich hoffe, dass ihr auch als Erwachsene neugierig und offen bleibt und euch weiterhin getraut zu fragen», sagt er. Einen Traum hat er aber: an den Paralympics zu gewinnen. Manchmal hätte Weber gerne mehr Zeit für sich. Als Drilling geboren, lebt er alleinstehend. Eine Familie möchte er nicht erzwingen. «Aber wenn es dann einmal so wäre, wäre das schön.» Lukas Weber Der 43-Jährige lebt in Zürich. Vor 14 Jahren erlitt er mit dem Mountainbike einen schweren Unfall und ist seither im Rollstuhl. Seit 2005 gehört er zu den weltbesten Handbiker.

Die Marke von Webers Handbike heisst Carbonbike.ch und wird von Franz Nietlispach, einem der bekanntesten Schweizer Behindertensportler, hergestellt. Es wiegt 11,5 kg (das ist sehr leicht für ein Handbike) und ist 2,30 m lang. Es fährt auf 3 Rädern: eines vorne und zwei hinten, das heisst, es kann nicht in die Kurven liegen. Es ist ausgerüstet mit 20 Gängen und mit XT-Bremsen (nur am Vorderrad). Lukas Weber braucht bis zu zwei Ersatzräder im Jahr. Mit seinem Handbike ist er sehr zufrieden. Das Bike kostet zwischen 5000 und 10 000 Franken, darum hat er das Handbike und das Werkzeug auch in der Wohnung.

Einsichtige Diebe

Das Handbike wurde Weber erst einmal gestohlen, vor einem Rennen in Prag aus dem Auto heraus. Die Diebe haben aber später erkannt, dass es sich um ein Spezialrad für jemanden mit Gehbehinderung handelt, und haben es dann vor einem Polizeiposten unbeschädigt abgestellt.

Dieser Artikel erschien im Kinder Tagesanzeiger und wurde von;
Dranbleiben. Auch mit dem Kinder-Tagi
Redaktion und Gestaltung: Jean-Pierre Costa und Melanie Kollbrunner
im Tages-Anzeiger – Samstag, 19. Januar 2013 veröffentlicht.